The incredible Jan Bäss

(Hinweis: hierbei handelt es sich um die Übernahme eines Interviews, das von einem Mitarbeiter von Discmania Online geführt wurde)

Discmania-Online: Herr Bäss, bei den Kopenhagen Open vor drei Wochen gelang Ihnen der erste Sieg eines deutschen Spielers in einer Pro-Division bei einem PDGA-Major. Zudem setzten Sie sich mit – für hiesige Verhältnisse geradezu unvorstellbaren – 10100 Dänischen Kronen, d.h. umgerechnet immerhin noch 1340 Euro, Preisgeld auch an die Spitze der ewigen deutschen Disc Golf-Preisgeldrangliste. Wie geht es Ihnen so kurz nach diesem Coup in der dänischen Hauptstadt?
Herr Bäss: Nun bevor wir ins Plaudern kommen: Nennen sie mich bitte Major Master, die Anrede mit ‚Herr Bäss‘ ist mir etwas zu förmlich. Das mit dem Preisgeld war mir gar nicht bewusst. Wer lag denn bisher vorne?

Siegerehrung

Cashte Big in Kopenhagen: Jan ‚The Major Master‘ Bäss – Foto: George Braun

DO: Bisher führte der Michael Stelzer, der bei seinem zweiten Platz bei der Europameisterschaft in Söhnstetten mit 1300,- Euro cashen konnte.
Major Master Jan Bäss: Ach, das ist ja interessant, ich hätte auf Simon getippt. Hatte der nicht letztes Jahr die Europameisterschaft gewonnen?

DO: Richtig, dafür wurden aber nur knapp 520 Euro ausgeschüttet. In England war finanziell Magerkost angesagt.
MMJB: Ich halte nichts davon, Erfolge in Geldbeträgen zu messen. Allerdings wird bei solchen Vergleichen doch deutlich, welch bedeutendes Turnier die Kopenhagen Open waren. In der Masters Division waren netterweise nicht so viele US-amerikanische Schwergewichte vertreten, so dass ich an der Spitze des deutschen Keils die tendenzielle schwedische Disc Golf Übermacht auf die Ränge verweisen konnte.

DO: Herr Major Master, Sie haben in letzter Zeit mehr durch Auftritte bei Wetten dass…? oder bei kalifornischen Film-Festivals von sich reden gemacht als durch Berichte über hartes Training. Wie war dieser Erfolg trotz Trainingsrückstands möglich?
MMJB: Ich habe mich im Verlauf des letzten Jahres um die Vermarktung von ‚The Invisible String‘ gekümmert. Die Teilnahme am Santa Barbara Film Festival Anfang Februar diesen Jahres und das Treffen mit all den Protagonisten und weiteren Frisbee-Größen von einst war dabei ein Höhepunkt. Und Höhepunkte sollten stets ein wichtiger Teil des mentalen Trainings sein. Demnächst steht der DVD-Release der einzigen Discumentation des 21 Jahrhunderts an – ich hoffe dabei auf einen weiteren Höhepunkt in meinem mentalen Training.

DO: Auch wenn die besten US-Master den Flug über den großen Teich scheuten, war die Konkurrenz in Kopenhagen beachtlich: Christer Köhler und Tomas Ekström sind zwei Legenden der europäischen Turnierszene, Peter Bygde ist der zurzeit beste schwedische Master. Und aus dem eigenen Lager war Gregor Marter als gefährlicher Linkshänder einzuschätzen. Bei solchen Namen kann einem schon das Herz in die Hose rutschen, wenn man am Abwurf steht.
MMJB: Christer Köhler belegte 1986 den zweiten Platz bei den Stockholm Open und gewann das Turnier exakt 20 Jahre später, ein absolut filmreifes Plot, angesiedelt im 1000er Rating. Und Tomas Ekström ist mit 5 Stockholm Open Siegen sowieso der Allergrößte. Zudem heißt er noch ‚Professor Plast‘. Allerdings hatte er sich schon am zweiten Tag aus dem denkbar knappen Rennen um den Titel verabschiedet. An selbigem Tag sind übrigens an Bahn 5 tatsächlich 2 von 5 Spielern aus meinem Flight am Tee ausgerutscht. Das hatte aber keine mental bedingten länger andauernden Herzrhytmusstörungen zur Folge.

DO: Die Entscheidung fiel erst auf Bahn 18….
MMJB: Ja, es wurde im Golfstart gespielt, dh. alle Gruppen starten nacheinander auf Bahn 1 und beenden die Runde auf Bahn 18. In Deutschland ist das Format noch nicht so verbreitet, bei den großen internationalen Turnieren mit langen Rundenzeiten macht dies aber durchaus Sinn. Zudem hat man vor oder nach der Runde Gelegenheit zum Socializing. Insbesondere konnte ich mir einige der Top Amis etwas näher betrachten von denen ich allerdings viel zu wenig Spielerisches mitbekommen habe, da die besten Masters meist zur selben Zeit spielen durften wie die besten Open Spieler. So ist das Socializing in die Zeit nach den Runden in die Abendstunden gerutscht, in denen es sich bekanntlich hervorragend socializen lässt.

DO: Was ich meinte war: auch am Ende war es eng…
MMJB: Ja, natürlich, der gesamte Kurs war eng. Und lang vor allem. Kleine Fehler wurden schnell bestraft. Das Kurspar lag bei 67. Ich denke nicht, dass es in Deutschland etwas Vergleichbares gibt, obwohl Dassel nach wie vor der technische Vorzeigekurs in Deutschland ist, sind selbst dort die Anforderungen etwas geringer. Dennoch gab es auch bei der Copenhagen Open immer wieder Möglichkeiten, alternative Flugrouten zu wählen. Mann musste nicht überall auf dem Fairway bleiben, wenn es um das Par ging.

Caddy

Bei einem Major ist alles größer, auch die Caddies – Foto: Martin Frederiksen

DO: Bei der Siegerehrung wurden mehr als 21.000 Euro ausbezahlt. War Sicherheitspersonal anwesend?
MMJB: Nein. Ich denke, dass die Veranstalter Recht hatten in der Annahme, dass die Anwesenheit einer so großen Zahl durchtrainierter Sportler einen Raubüberfall aussichtslos gemacht hätte. Es war alles wunderbar vorbereitet und es gab keine seltsamen belgischen Vorkommnisse. Da einige Bierexperten extra aus den USA angereist sind wurde sogar an eine Bierverköstigung im Anschluss an das Turnier gedacht. Ein wunderbarer Gedanke und eine weitere Möglichkeit zum Sozializing. Im Vergleich zu der Bierauswahl bei der Verköstigung war das Turnierbier allerdings nicht wirklich angemessen. Das Essen war toll, aber beim flüssigen Brot, das auf einem so hochdotierten Turnier ausgeschenkt wird, sollte auch der Geschmack entscheiden.

DO: Wie haben Sie Ihr Preisgeld bekommen: Cash oder als Scheck?
MMJB: In ihren Fragen kommt das Geld sehr häufig vor. In meinem Fall wurde es in einem Briefumschlag übergeben.

CK

CK an seinem gelben Tag – Foto: Martin Frederiksen

DO: Man hört oft, dass das Geld den Sport verdirbt, dass Fairness und fröhliches Miteinander darunter leiden, wenn soviel auf dem Spiel steht. War davon etwas zu bemerken? Gab es Nicklichkeiten der Konkurrenten, fiese Tricks, psychologische Spielchen? Man hört, der spätere Zweitplatzierte hätte eine Art Farbenvoodoo zelebriert.
MMJB: In der Tat, einer der Konkurrenten trat zu jeder der vier Runden komplett durchgestylt an. Vom Hemd über die Socken bis hin zur Farbe der Scheibe unisono und jeden Tag was anderes. Wenn es Voodoo war, kam es allerdings bei mir nicht an. Ich glaube, eher es war der Tatsache geschuldet dass ein internationales Model anwesend war, und auch wenn Schweden manchmal kaltherzig rüberkommen, das schöne Geschlecht wollen sie schon auch beeindrucken. An mir persönlich ist der Voodoo abgeperlt, da ich diesen übertriebenen Style als genial empfunden habe und mich dies zusätzlich motiviert hat, mein Bestes zu geben. Was ich aus der Open Klasse vernommen habe, unterstreicht allerdings durchaus die Aussage, dass Geld den Sport verderben kann. Da möchte ich aber nicht weiter ins Detail gehen. Bei uns in der Masterskonkurrenz hat sich der finanzielle Aspekt einer guten Platzierung nicht negativ auf den Spaß an der Sache ausgewirkt. Es herrschte ein gutes erfolgsorientiertes Miteinander mit allem Respekt und den kleinen Schwätzchen, die die langen Rundenzeiten auch zwischenmenschlich angenehm machten. Ich hatte dennoch etwas Bedenken, wie die Finalrunde ablaufen würde, da sich Herr Marter leider ohne eigenes Verschulden aus der Leadergroup verabschiedet hatte und wir uns im Turnierverlauf sehr gut gegenseitig unterstützen konnten. Letztendlich hatte ich aber das Glück, mit meinem guten Spiel in der letzten Runde nicht nur meinen wunderbaren Caddy zu begeistern, sondern auch, nach einer kurzen mentalen Schwächephase in der Mitte des Geschehens, souverän und recht ungefährdet dem Titelgewinn mit jeder Bahn näher zu kommen.

DO: Welche Pläne haben sie mit dem Geld? Die heutzutage mit einer derartigen Summe verbundenen Möglichkeiten reichen ja vom Kauf eines indischen Kleinwagens über 4 Wochen Ballermann auf Mallorca bis hin zu einem Jahresabo im Discmania-Shop.
MMJB: Nun, ein Teil wird sicher wieder in die Sache zurück fließen, sprich für Flugscheiben-Angelegenheiten ausgegeben werden. Auch die Abbezahlung meiner Scheiben-betriebenen Hunde-Gassi-Geh-Maschine steht auf dem Plan.

DO: Sehen Sie die Gefahr, dass ihr Gewinn Nachahmer auf den Plan rufen könnte, Zocker, die des Geldes wegen auf große Turniere wie in Kopenhagen oder demnächst in Nokia fahren könnten?
MMJB: Das ist ein Missverständnis: Ich bin nicht des Geldes wegen nach Kopenhagen gefahren sondern primär, um einigen von den Top-Jungs an Hand von THE INVISIBLE STRING zu zeigen, wie genial die Wurfscheiben-Geschichte ist. Und Nachahmer wären es ja auch nur dann, wenn sie was gewinnen würden. Dazu ist natürlich jeder herzlich eingeladen. Insbesondere in Nokia, wo es wohl an die 40,000 Euro zu gewinnen gibt. Wie aber vorhin schon angesprochen: bei solchen Turnieren ist die Konkurrenz eben auch riesig, wer da nicht extrem abgebrüht ist, kriegt schnell mal die Flatter. Und mit der Flatter verkackt der Putter, diese alte Golfer Weisheit trifft bekanntlich immer ins Kettige.

Putt

Die große Flatter blieb aus: Der Rekordgeldgewinner beim erfolgreichen Putt. Im Hintergrund CK an seinem weißen Tag.   –   Foto: Martin Frederiksen

DO: Wir hatten vereinbart, dass sie noch etwas Werbung für ihre DVD machen können, ‚The Invincible String‘ heißt die glaub ich…
MMJB: Danke. ‚The Invisible String‘ ist ein Muss für alle Freunde der fliegenden Scheiben, mehr muss dazu eigentlich nicht gesagt werden.

DO: Wir hätten noch ein bisschen Platz…

MMJB: Im letzten Jahr hat sich gezeigt, dass viele Menschen noch gar nicht wissen, dass es den Film überhaupt gibt und so ging es mit der Verbreitung sehr langsam voran. Trotzdem gibt es immer wieder Enthusiasten, die von diesem Projekt begeistert sind und den Film zeigen wollen. Daher gibt es im Mai noch eine tschechische Premiere in Prag und eine finnische Premiere in Vaasa. Beide Screenings sind von Scheibenliebhabern in den jeweiligen Ländern organisiert. Das klappt eigentlich am besten, da die flugscheibenbegeisterten Leute immer den besten Plan haben, wo sie den Film zeigen können. Da es noch nirgends eine landesweite Kinoauswertung gibt, sind diese Einzelvorführungen die am einfachsten umzusetzende Möglichkeit The Invisible String in schön groß und laut mit Gleichgesinnten im Kino zu sehen. Das ist ganz anders als zu Hause allein vor der Glotze oder dem Rechner.

DO: Wie wird es mit dem Film weitergehen, ist evt. an eine Fortsetzung gedacht?
MMJB: Ein guter Punkt. Wie bereits angesprochen, wird Ende Juni die DVD erscheinen und jeder hat die Möglichkeit, sich diese wirklich gute und mit viel Liebe produzierten Doku nach Hause zu holen. Erhältlich sein wird der Film auf Amazon und wahrscheinlich auch im Discmania-Shop.TIS
Wenn ich aber darüber hinausblicke, dann ist dieser Film für mich eigentlich erst der Einstiegsfilm in die bunte Welt der Scheiben und ich denke, dass eine Fortsetzung aus inhaltlicher Sicht durchaus lohnend wäre. Genau wie in Kopenhagen auf dem sportlichen Sektor habe ich in der Produktionszeit des Filmes versucht, mein Bestes zu geben und durch den Zuspruch aller Protagonisten und den priviligierten Zuschauern weiß ich, dass es mir gelungen ist, und es wäre sehr schön, diesen Weg weiter zu bespielen. Dass es bisher so wenige Möglichkeiten gab, das Schmuckstück in groß und im Kino zu sehen, stimmt mich natürlich etwas traurig. Allerdings habe ich bei diesem Projekt auch gelernt, dass die Produktion des Films und seine Vermarktung zwei sehr verschiedene Dinge sind.
Gerne würde ich eine Tour durch England, Skandinavien, Japan, Ozeanien und vor allen Dingen auf dem Nordamerikanischen Kontinent organisieren, allerdings fehlen mir da schlichtweg die Partner dafür. Aber vielleicht kommt das noch, dort wäre nämlich durchaus etwas Geld zu machen, um dieses mammonige Wort auch noch einmal einzubringen. Ich wünsche mir daher für den DVD-Verkauf so etwas wie einen Achtungserfolg. Dies könnte dem Film einen einen neuen Schub geben. Ich hoffe nicht, dass TIS als der für immer beste Nischenfilm in die Filmgeschichte eingehen wird, der niemals ins Fernsehen kam oder gar unsichtbar geblieben ist. Aber da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

DO: Vielen Dank Herr Major Master für dieses Gespräch. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Glück sowohl auf sportlichem wie cineastischem Gebiet.

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